Ein Ampelstart ins Leben

Wir erinnern uns noch lebhaft an den jungen Mann, der im März sein Leben aushauchte, in dem er seinen Wagen die Schallmauer hat durchbrechen lassen und dann die Kontrolle über ihn verlor? Gut, denn die Angelegenheit hat sich geklärt. Ja, kann man so sagen. Geklärt. Und bereinigt von mir aus auch noch gleich. Hatte ich noch kurz nach der Neuigkeit geunkt, daß der neue  Daddy nicht lange würde auf sich warten lassen, so wurde ich nicht nur voll und ganz bestätigt, nein, die ganze Angelegenheit war noch weitaus pikanter, niederträchtiger und schamloser als von mir erwartet und auch ein wenig, ein kleines bißchen, erhofft.

Nämlich, und hier muss ich mich voll und ganz auf meine Informantin verlassen, deren Namen ich unter keinen Umständen nennen werde, soll der Verunfallte zum Zeitpunkt der Radarfallenfotografie eben nicht bei einem illegalen Autorennen mitgemacht haben sondern auf dem Weg zu einem Nebenbuhler gewesen sein, der sich an seine Frau rangemacht haben soll. Ein Auswärtiger. Ein Buiterling! Ein Fremdficker! Und diesen Fremden wollte unser Unfallopfer »wegklatschen«, wie er sich ausgedrückt haben soll. Ihn regelrecht wegficken, zerficken sogar. Daher auch der wild entschlossene Ausdruck im Gesicht des tödlich Verunglückten auf seinem finalen Porträtfoto. Er habe ihn, den Fremdenficker, den Wichser, obwohl er ja genau das nicht war, zur Rede stellen und schlussendlich wegklatschen wollen. Daß ihn sein heiliger Zorn letztlich das Leben kostete ist eine weitere tragische Note in dieser auch ein wenig traurigen Geschichte.

Die junge Frau, nennen wir sie Eva, und Mutter des gemeinsamen Kindes, Luca-Jayden, war aber schnell übern Berg und in den schlägereierprobten Armen des neuen Lovers angekommen. Hatte sie doch schon Monate vor dem tragischen Unfall ein recht inniges Verhältnis zu dem leiblichen Vater des Kleinen. Ja, wir haben richtig gelesen. Der Unfallfahrer mit dem stark vorgereckten Kinn war, wie wissen es nun, und kichern ein kleines bißchen schadenfroh in uns hinein, nur der Ernährer des Kindes. Und der Fremdficker mitnichten ein Wichser sondern ein strammer Beschäler. Heiliger Strohsack! Der Tölpel war also ein waschechter Josef. Ich meine, gut, man kann darüber lachen aber es ist auch etwas Trauriges darin, in dieser Geschichte. Zu allem Überfluss hatte man dem kleinen Luca-Jayden, als Vermächtnis und Erinnerung an seinen Vater, die mit etwas Blut befleckte Kappe des Daddys an die Wand gehängt, was wohl gut gemeint aber am Ende ziemlich gedankenlos war. Diese umtriebige Person nun, die Witwe, die Mutter des niedlichen Luca-Jayden ließ ihren Neuen/Alten, den Kindsvater, auch gleich mit Sack(!) und Pack in ihre Wohnung einziehen, was der Junge auch sofort akzeptierte, weil ja der neue Daddy dem verunfallten Rennfahrer schon sehr ähnlich sehen soll. Der Tote sei noch nicht einmal ganz kalt gewesen, da holte die Eva »diesen Heiopei« ins Haus. So bräuchte das Kind sich nicht groß umgewöhnen. Selbst die Tätowierungen sollen praktisch die gleichen gewesen sein. Wie man sie halt bei jedem zweiten »angemalten Idioten«, so meine Quelle, zu sehen bekäme. »Dieser allgegenwärtige Scheißdreck da.« Nur bei dem Auto des neuen Hausvorstandes und Spitzenrennfahrers hätte das Kind zu fremdeln angefangen. Anstatt eines neongrünen Japaners stand ja nun ein grundsolider silberner GTI aus deutscher Produktion wahlweise auf den Plätzen die für die behinderten Mitbürger reserviert sind oder aber auf dem Gehweg. Tiefergelegt und mit Zierrat und Stickern aufgepeppt. Mit zwei schwarzen Streifen etwa, die vom Kofferraum über das Dach hinweg und die gesamte Motorhaube reichten. Daran wird sich das Kind, so meine Gewährsfrau, schon auch noch gewöhnen. Wie auch an das Gestöhne und Gewinsel aus dem Schlafgemach* des sauberen Pärchens. Ganz sicher. Da sind wir nicht nur guter Dinge sondern auch noch gleich froh gelaunt und drücken der jungen Familie sämtliche Daumen. Vor allem dem kleinen Luca-Jayden, denn der wird’s am bittersten nötig haben.

*Mann soll die zwei Liebenden des Nordghettos allerdings auch schon am Container für Altglas und am Zigarettenautomaten in der Nähe des Friedhofs bei ihren Leibesübungen gesehen haben. Ob das den Tatsachen entspricht entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Obwohl …

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