Ein Value-Investor nach dem anderen knickt ein . Die Psychologie des Mainstreams und des wahren Contrarian

Nicht nur private Value-Investoren, auch Value-Fonds haben in den letzten Monaten die Notbremse gezogen. Value-Investment lohnt nicht mehr.

Im allgemeinen werden Value-Indizes am Price/Book-ratio gemessen. Nun ist das freilich nur der erste und nicht sonderlich intelligente Ansatz zum Value-Investment. Allerdings stellt sich schon die Frage, weshalb die Kursgewinne aus derart gewählten Aktien plötzlich stagnieren, . Naja, Sie sehen schon, das ist nichts Neues. Derzeit liegt die Antwort freilich in der Reaktion der Politik nach der Finanzkrise von 2009. Royce nennt die Absenkung der Zinsen als Hauptgrund. Das ist nicht ganz falsch, aber ohne die Ausweitung der Geldmittel wäre das wirkungslos gewesen (und beides korreliert natürlich). Es ist also einfach die Unmenge Geldes, die in den Markt gepumpt wurde. Und richtig ist freilich, daß das vor allem den Unternehmen und Investoren geholfen hat, die unter normalen Umständen keine Kredite mehr bekommen hätten und die ohnehin unsolide gehebelt arbeiten. Der Mainstream hat also einfach noch eine Spritze erhalten, um seine Probleme weiter zu prolongieren, nachdem die ärgsten Fehler durch knallharte Pleiten korrigiert wurden.

Daß sodann in einem weithin überbewerteten Markt die Möglichkeiten des Value-Investment sinken, selbst jenes Growth-orientierten, der auch mal ausversehen auf operating earnings und im Falle der small caps auf free-cashflow schaut, ist selbstverständlich. Aber dieser Zustand hält freilich nur solang an, wie die Überbewertung bestehen bleibt.

Nun hatte ich früher bereits erklärt, daß der gegenwärtige Markt nicht sonderlich überbewertet ist. Auch die Zinskurven sind noch ganz unbedenklich, wenngleich die Zinsen zuletzt etwas angehoben wurden. Zum Invertieren reicht es noch lange nicht.

Aber deshalb nun das Value-Investing aufzugeben, erscheint mir doch reichlich naiv. Insbesondere, wenn nun die ersten Anzeichen zu einer Normalisierung der Zinskurve vorherrschen und auch die Underperformance des Valueinvestements gegenüber dem Growth-Investing in Umkehr begriffen zu sein scheint. Wenn, dann hätte man das vor Jahren tun müssen – und zwar, um jetzt an eine Reduzierung der Position zu denken.

Wenn dann noch mancher Fond-Manager gar sein aktuelles Investment in Amazon damit begründet, daß hier Gewinne irrelevant seien, weil das Unternehmen auf Erlangung der Marktdominanz setze und schließlich die Preise willkürlich bestimmen könne, dann muß man allen Ernstes fragen, warum das gerade erst jetzt ein Argument sein soll. Diese Strategie verfolgt das Unternehmen seit Jahren. Und wer glaubt, daß nicht in einem solchen Fall der Einzelhandel schwupp di wupp wieder da ist und die Preise erneut unterbieten kann, der hat von der Anpassungsfähigkeit insbesondere der amerikanischen Wirtschaft offenbar keinen Schimmer.

Ich denke, wir haben hier eher einige klassische Fälle von Underperformance-Angst vor uns, die sich im Angesicht immer neuer Höhen (und zuletzt einigen Strauchelns) der Nasdaq-Giganten ihre Strategie anzweifeln. Und das gerade von Investoren, die nicht müde werden, Warren Buffet anzuhimmeln, der gerade in diesem Punkt uneingeschränkt recht hat und hatte. Aber auch diese geistige Abhängigkeit ist bloß ein Zeichen von fehlender Unselbständigkeit, die sich hier im Kleide des nicht ganz mainstreamigen Mainstreams als Querköpfigkeit verkauft, wo völlig durchschnittliches Denken vorherrscht.

Aber als Value-Investor ist vor allem eine Qualität wichtig: Man muß ein Querkopf sein. Derjenige, den alle auslachen und mit dem niemand reden will, weil er die Hypes nicht mitmacht, sondern auf blanke Zahlen schaut. Aber man kann sich nicht aussuchen, ob man psychisch so renitenter Natur ist oder nicht. Dickköpfigkeit und Sturheit sind im allgemeinen keine sonderlich positiv besetzten Eigenschaften. Im Investment-Geschäft sind sie Gold wert.