MEIN PREIS

Jeder Mensch ist käuflich – denn alles hat seinen Preis. Wie zynisch dieser Satz ist, das ist uns nicht immer bewusst. Wer von seinen Eltern gegen ein Höchstgebot an einen Mann verkauft und verheiratet wird, weil die Familie das Geld braucht, der weiß was es wirklich bedeutet – dass alles seinen Preis hat. “Ein Preisschild auf meinem Körper” – so singt die afghanische Rapperin im Film “Sonita”, der den realen Kampf des Mädchens gegen die drohende Zwangsverheiratung mit 15 Jahren dokumentarisch begleitet. Sie ist ein Symbol der Veränderung geworden – weil sie ihre Stimme gegen Tradition und Gewalt erhebt. Und die Freiheit gewinnt.

Einen Preis zu haben – das kann Verschiedenes bedeuten. Mancher Preis wiegt schwerer, mancher leichter. Wer in einem kulturellen Kontext gefangen ist, hat es schwer, zu entkommen. Und wer seinen wirklichen Wert nicht kennt – dessen Preis wird von anderen bestimmt. Die Frau, die ihren Körper verkauft – und doch nicht frei ist in der Wahl ihres Preises. Das Kind, das von Fremden adoptiert wird. Oft auch aus dem Ausland – wo man nicht erfährt, unter welchen Umständen das Kind von seiner Familie weg kam. Und es nun für Geld den “Besitzer” wechselt – und seine Wurzeln verliert. ich weiß, diese Worte klingen hart. Doch leider ist viel Wahres darin. Kinderhandel ist das eine – darf nicht gleichgestellt werden mit Adoption. Adoptivfamilien können ebenso liebevoll sein wie es leibliche Familien sind. Oft sogar noch viel mehr. Doch immer wieder scheitern sie. Das Kind, das sie aufnahmen, bleibt ihnen fremd. Ebenso wie die Eltern dem Kind. Nicht weil sie schlechte Menschen sind. Nicht weil sie nicht alles versucht haben – sondern einfach weil die Verlorenheit, der Verlust von Wurzeln und Identität eine wirkliche Nähe nicht zulässt. Der Preis ist zu hoch. Und die Kinder bezahlen.

Ich wusste nie, warum sich im Leben immer das Eine wiederholte: Die Frage des Wertes. Eine Frage des Preises. Bis ich erfuhr, dass es auch für mich einen Preis gab, der seit jeher in mich eingebrannt ist. Getagged, gebranded – unter meiner Haut. Eine unsichtbare Zahl, die mich ausmacht. Mein Preis. Mein Code. Ohne Identität. Das, was ich wert war. Ohne, dass jemand mir Böses wollte. Und doch existierte ich nicht mehr. Irgendwann war es mir klar – dass ich nicht wusste wer ich bin. Wie sollte ich meinen Wert bestimmen? Wie konnte ich fühlen, was ich will? Vielleicht ist auch das der Grund dafür, warum ich der Liebe bis heute nicht traue – weil ich mir selbst nicht vertrauen konnte. Also tat ich es – ich begann, mich selber zu suchen. Und ich begann damit, aufzuhören – das zu fühlen, was ich glaubte das andere wollen. Ich begann, mir selbst langsam näher zu kommen – und meinen Wert für mich selbst zu bestimmen. Seitdem werden es immer weniger Menschen, die mir wirklich nah kommen dürfen. Nicht mehr die, die meinen Wert untergraben. Die sich anmaßen, bestimmen zu dürfen, wie viel oder wenig ich wert bin. Nicht mehr die, die ihren Wert über meinen stellten und mir ihren aufzwingen wollten. Ich erlaube es ihnen nicht mehr. Sondern die, denen ich etwas wert bin – selbst wenn ich ihnen nicht nützlich bin.

Vor allem seit ich mit jungen Menschen arbeite, von denen viele auf sich allein gestellt sind, weiß ich, dass ich stark sein muss in meinen Werten – um ihnen ihre zu vermitteln. Wir alle tragen Verantwortung – die beste Version von uns zu werden, die wir sein können. Mit Fehlern und Ecken und Kanten, Mensch bleiben, verletzlich bleiben – aber eben gefestigt in uns. Wenn wir das Preisschild von uns entfernen, das Label abreissen, das uns ausgemacht hat – dann werden sich wohl so manche Menschen ärgerlich von uns abwenden wollen. Weil sie uns ganz anders kannten. Weil jeder von uns einen Preis hat…? Aber das ist ganz egal – weil die “Echten” bleiben. Der Strichcode unter meiner Haut ist eine unsichtbare Narbe. Und doch erinnert er mich daran, dass Wertschätzung Leben retten kann – für jene, die an ihrem Preis zerbrechen.

Mein Preis? Das bin ich, so wie ich bin. Vollständig. Mit all meinen Stärken. Meinen Fehlern und Schwächen und Narben. Mit meinen Wünschen und Träumen, mit meiner Liebe und meiner Ungeduld und auch manchmal mit meinem Zorn. Mit meinen Tränen und auch meinem Lachen. Mit den Unperfektheiten meines Körpers und meiner Seele. Mit meiner Verwundbarkeit, meiner Traurigkeit – meiner Wildheit und meinem Mut. Nicht mehr. Nur: Ich. Ganz. Doch für die Hälfte und weniger bin ich für niemanden zu haben.