Tierschutz vs. Menschenschutz? Ein Leserbrief an die ZEIT

In der vergangenen Woche erschien in der Printausgabe der ZEIT ein Artikel, der mich tagelang nicht losgelassen hat. Unter dem Titel „Das Ende der Verwöhntheit“ (ZEIT NR. 51, S. 3) versucht Elisabeth Raether, die Autorin des Artikels, aufzuzeigen, „warum wir uns eher über Tierquälerei als über Menschenquälerei aufregen und warum das nicht mehr geht, seit die Flüchtlinge unter uns sind.“ Da mir ihre Ausführungen letztlich deutlich fehlzulaufen scheinen, schrieb ich vor zwei Tagen einen kurzen Leserbrief an die ZEIT.

Kernaussage des ZEIT-Artikels:

Die Kernaussagen des ZEIT-Artikels lassen sich relativ schnell zusammenfassen:

Seit einigen Jahren würden wir verwöhnten Wohlstandsdeutschen uns kaum noch mit moralischen Fragen beschäftigen. Und wenn doch, dann nur mit eher unwesentlichen, auf den Konsum bezogenen Fragen: „[…] moralische Fragen erschienen uns bislang nicht gerade dringend. Wir haben sie eher nebenbei abgehandelt, beim Einkauf im Supermarkt.“ Unseren Alltag würden wir laufend „mit sittlichem Drama“ aufladen und „Existenzielles wie, sagen wir, eine gerechte Weltordnung“ vernachlässigen. Vor allem in der Verdrängung politischer Fragen hätte „die Konsummoral gut gedeihen“ und „die Idee entstehen“ können, „dass Milchkühe, die leiden, uns näherstehen als Menschen, die leiden.“

Die „Verwöhntheit“ hätte, der Autorin zufolge, jedoch nun ein Ende: Mit der Ankunft der vielen Flüchtlinge in unserem Land entstünde die Notwendigkeit, sich nicht mehr vornehmlich über „das Leid, das Hühnerküken angetan wird“, zu empören. Stattdessen gälte es in erster Linie, sich eingehend mit den flüchtenden Menschen und ihren Schicksalen zu beschäftigen und dabei einen „politischen Willen“ zu aktivieren, der „in die Gestaltung des Miteinanders fließen“ solle. Ihren Artikel beendend schreibt die Autorin schließlich noch: „Es gibt eine neue Erkenntnis: Die Antwort auf die drängenden Fragen dieser Zeit lautet nicht Weidemilch.“

Tierschutz vs. Menschenschutz?

Den grundsätzlichen Appell, der aus dem ZEIT-Artikel hervorgeht, teile ich uneingeschränkt: Definitiv dürfen wir uns hinsichtlich der aktuellen Flüchtlingsthematik nicht einfach abwartend zurücklehnen oder gar ablehnend verhalten. Offen und interessiert auf die ankommenden Menschen zuzugehen, ihnen zu helfen und am gemeinsamen Miteinander zu arbeiten, ist ein Gebot, dem sich niemand einfach entziehen sollte.

Was ich allerdings nicht mit der Autorin teile ist ihr Versuch, die Herausforderungen der Flüchtlingsthematik gegen die in den vergangenen Jahren erfreulicherweise gestiegenen Tierschutzbemühungen auszuspielen:

Ich teile dies zum einen deshalb nicht, weil es schlicht unmöglich ist oder wäre, eine Prioritätenliste der ethisch relevanten Themen unserer Zeit zu erstellen und sie dann fein säuberlich von oben nach unten abzuarbeiten. Mit einem solchen Ansatz bliebe nur zu befürchten, dass sich letztlich gar nichts regt, weil wir uns jahrelang allein schon darüber streiten würden, welches Problem denn nun genau oberste Priorität hätte. Weitaus besser erscheint es mir, dass jeder Mensch möglichst dort mit anpackt, wo er gerade kann und will, und dabei stets offen dafür bleibt, auch noch weitere Probleme mit anzugehen.

Zum anderen teile ich den Versuch, den ethisch relevanten Bereich des Menschenschutzes gegen den ebenso relevanten Bereich des Tierschutzes auszuspielen, auch deshalb nicht, weil gerade in diesem speziellen Fall doch klar aufgezeigt werden kann, wie sehr die Probleme beider Bereiche miteinander verknüpft sind.

Mein Leserbrief an die ZEIT:

„Elisabeth Raethers Einschätzung dessen, was als wirklich relevante Moralfragen gelten und „echte“ moralische Bedenken hervorrufen sollte, läuft fehl. So ist die von der Autorin als „übermoralisiert“ gebrandmarkte Konsumfrage sicherlich alles andere als bloß ein unpolitisches „sittliches Drama“ des Alltags, gespielt von bequemen Wohlstanddeutschen. Evident wird dies gerade mit Blick auf den von Frau Raether angesprochenen und in seiner Destruktivität scheinbar deutlich unterschätzten Bereich der Tierproduktion:

Schon jetzt trägt der weit zu hohe globale Konsum von Fleisch und anderen tierlichen Produkten zur Verknappung lebenswichtiger Ressourcen wie Land, Wasser und Energie sowie zum Klimawandel bei. Das wiederum verschärft die Hungersituation in ärmeren Ländern und leistet seinen eigenen Beitrag zur Fluchtthematik. Damit ist das hiesige Konsumverhalten – gegen das sich eine jährlich steigende Zahl von Menschen mittlerweile sehr wohl auch politisch auflehnt – nachweislich mit hoch existenziellen Fragen verknüpft. Und das nicht nur für Menschen: Die massenhafte Billigproduktion von Fleisch, Milch und Eiern kann letztlich nur durch weit inakzeptable Bedingungen bei der Züchtung, Haltung und Tötung von empfindungsfähigen Lebewesen gewährleistet werden. Für rund 60 Mrd. „Nutztiere“ vom Land, die alljährlich für den menschlichen Konsum weltweit getötet werden, stellen diese Bedingungen alles andere als eine Bagatelle dar.

Menschenleid und Tierleid sind über den Bereich der Produktion und des Konsums von Nahrungsmitteln aufs engste miteinander verknüpft. Dem einen mehr Gewichtung beizumessen als dem anderen – was schon generell nicht zu rechtfertigen wäre -, heißt Realitäten zu verkennen. Oder aber bewusst zu verdrängen? Vielleicht ja, um aus dem eigenen „Kokon“, in dem Frau Raether die verwöhnten, auf Konsummoral beschränkten Wohlstandsdeutschen eingesponnen sieht, letztlich doch nicht zu weit ausbrechen zu müssen?“

Ob mein Brief in einer der nächsten ZEIT-Ausgaben abgedruckt werden wird, bleibt abzuwarten …

Nachtrag 30.12.2015: Der Brief erschien heute – in gekürzter Fassung – in der ZEIT-Ausgabe Nr. 53 auf Seite 16.